Der Kommissar, sein Chef und ihre Tochter

Der Krimi heißt zwar “Weissglut”, aber er hat auch ganz leise Momente. Nachdenkliche Passagen. Doch manchmal treibt es Hauptfigur Axel Steen tatsächlich die Wut in den Kommissarskörper. Dann bringen ihn der Fall, Kollegen oder Vorgesetzte zur Weissglut.

Für WDR 2 hab ich „Weissglut“ besprochen. Als Krimitipp.

Eigentlich ist es ein ganz normaler Serientäter-Krimi – sofern man in dem Zusammenhang von “normal” sprechen kann. Eine Frau ist ermordet worden, eine Reihe grausamer Vergewaltigungen stellen die Polizei vor Rätsel. Und die Ermittler glauben an einen Zusammenhang. Das ist eigentlich typisch für das Genre. Eigentlich.

Denn besonders ist das Personal dieses Krimis. Vor allem die Hauptfigur Axel Steen. Der beste Ermittler, den die Kripo Kopenhagen hat, das sagen sogar seine internen Gegner. Und von denen hat er einige, denn Axel Steen ist eigensinnig und hat eine Menge persönliche Probleme: Von seiner Frau geschieden, die gemeinsame Tochter sieht er nur alle paar Wochen. Den Dealer um die Ecke sieht er dagegen öfter, um sich Haschisch zu kaufen. Was bei der Polizei nicht gerade zum guten Ton gehört.

Der Chef: mal nicht der aalglatte Schleimer

Vor allem wird das zum Problem, wenn der Vize-Polizeichef Wind davon bekommt. Und der ist die zweite spannende Figur. Jens Jessen, auf den ersten Blick ein aalglatter Schleimer. Entpuppt sich aber als deutlich vielschichtiger: Axel Steen mag ihn nicht, denn Jens ist der neue Freund seiner Ex-Frau. Was er nicht weiß: dass der Chef ihm bei seinen Eskapaden den Rücken freihält. Und das ist toll, dass hier ein Vorgesetzter mal nicht als der typische Karrierist und Politiker ohne Rückgrat gezeichnet wird.

Ähnlich unkonventionell wird die Geschichte erzählt. Da bekomme ich als Leser einen wirklich guten Eindruck von der mühsamen Polizeiarbeit. Welche Fehler da auch gemacht werden können. Und dass selbst DNA-Analyse nicht zwingend zuverlässig ist. Da ist Weissglut ein schöner Gegenentwurf zu CSI und Co.

Zärtliche Liebe zur Sprache

Außerdem liest es sich auch noch toll: mit einer fast zärtlichen Liebe zur Sprache. Ich merke als Leser, dass der Autor – und der Übersetzer – sich jeden Satz gut überlegt haben. Besonders fällt das auf, wenn Axel Steen über sein ziemlich verkorkstes Leben nachdenkt, oder wenn er die Umgebung beschreibt, in der die Geschichte spielt. Da wird das anonyme Hochhaus zum Beispiel zum „Totempfahl aus sterilem 50er-Jahre-Beton mit einer Dornenkrone aus Mobilfunkmasten“. Das ist einfach schön geschrieben. Er malt gern sprachliche Bilder.

”Er”, das ist Autor Jesper Stein, von Hause aus Journalist, Kriminalreporter. Daher kennt er sich mit den Fakten gut aus und kann Geschichten auf den Punkt erzählen. Er liefert mit der Spannung auch immer Analyse. Und er weiß: Das Leben hat nicht nur Happy Ends parat – aber mehr will ich zum Ausgang des Buches gar nicht verraten.

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