955 Seiten, die es in sich haben

Cover "Breaking News"Frank Schätzing, der Bestsellerautor aus Köln, hat ein neues Werk auf dem Markt: „Breaking News“. Ich hab’s gelesen und für WDR 2 besprochen.

Schätzing mag die großen Fragen: „Der Schwarm“ war ein Ökothriller auf dem Meeresgrund. In „Limit” ging es um die Energie der Zukunft – auf dem Mond.

In seinem neuesten Roman wird Schätzing wieder ganz irdisch und nimmt uns mit in eine der brisantesten Krisenregionen der Welt. In die Region, aus der jetzt schon seit Jahrzehnten immer wieder traurige Breaking News – also Eilmeldungen – kommen: in den Nahen Osten. Genauer: nach Israel.

Wir Leser sollen den Konflikt um Israel und Palästina durchschauen, verstehen, diese komplizierte Gemengelage aus Interessen und Feindschaften. Und dafür findet Frank Schätzing zwei erzählerische Wege: Er begleitet – erstens – zwei jüdische Siedler-Familien durch die Jahrzehnte und schildert, – zweitens – wie sie persönlich historisch wichtige Ereignisse erleben. Als Opfer, Soldat oder hochrangiger Politiker. Einer der Siedler ist nämlich Ariel Scharon. Der von 2001 bis 2006 israelischer Ministerpräsident war. Sein zentrales Thema ist auch der inhaltliche Schwerpunkt des Buches: die Siedlungspolitik Israels, die Rechtfertigungen, die Kämpfe um besetzte Gebiete.

Frank Schätzing ist dafür bekannt, dass er sehr viel und genau recherchiert vorm Schreiben. Das geht für mein Verständnis leider hier zu Lasten der Lesbarkeit. Streckenweise ist mir das Buch deutlich zu faktenlastig. Zu viele Orte, Namen, militärtaktische Winkelzüge, die ich als ehemaliger Zivildienstleistender nicht nachvollziehen kann.

Und dann dauert es auch eine ganze Zeit, bis ich in diese Familien eintauchen kann. Wobei mir viele der Charaktere bis zum Ende nicht nahekommen, weil die viel zu viel über Politik räsonnieren und diskutieren. Da zielt mir das Buch zu sehr auf den Kopf des Lesers als auf den Bauch.

Zuständig für die Nachrichten, für die „Breaking News“, ist hier die zweite wesentliche Hauptfigur: Tom Hagen. Zeitungsreporter, an den Krisenherden der Welt zuhause. Ein besessener Draufgänger, der aber gleich am Anfang des Buches bei einer Geiselbefreiung in Afghanistan ordentlich auf die Nase fliegt. Und jetzt durch eine sensationelle Enthüllung in Israel auf die Story seines Lebens hofft. Dass nämlich – Bezug zur anderen Hauptfigur – Scharons zweiter Schlaganfall, der ihn 2006 ins Koma fallen ließ, ein Anschlag war.

Und wenn Hagen diese Geschichte veröffentlichen will, werden ihm die Geheimdienste in Israel das nicht gönnen. Daraus kann also spannender Thrillerstoff werden. Doch das trägt leider nicht durchgehend. Es gibt viele toll geschriebene Passagen. Die lesen sich wie Reportagen, da läuft der Film gleich vor meinem inneren Auge ab. Aber es kommt bei mir keine echte Spannung auf. Und ich glaube, das liegt vor allem daran, dass Schätzing hier mal wieder Realität mit Fiktion vermischt. Scharon, sein Leben, das Koma: Das stimmt ja alles. Dass dahinter ein Anschlag stecken soll: Reale Hinweise oder Beweise gibt es dafür nicht, und als Thrillerpointe ist mir persönlich das zu dünn. Das trägt mich alles am Ende nicht gut unterhalten über 955 Seiten.

Das Fazit also? Die menschliche Seite der Siedlungspolitik, was der Kampf um Land und Heimat bedeutet: Das kann man hier mit viel Zeit schön aufgeschrieben nachlesen. Für Breaking News ist es mir aber zu lang und streckenweise auch zu langatmig.

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