Warum gucken wir eigentlich alle Olympia?

Irgendwie üben diese Ringe eine Faszination aus, der sich kaum jemand entziehen kann: Am Freitag beginnt Olympia in London – und alle gucken hin. Ich auch – aber für WDR4 hab ich mich gefragt: Warum?

Ja, sicher, klar hab ich auch dafür ne App auf meinem Schlaufon: Alle Olympiatermine, Statistiken, Planer, Resultate, damit ich nix verpasse. Ich weiß jetzt schon, dass ich am 1. August um halb Zwölf mittags das Finale im Ruderachter gucken kann. Wobei die sich beeilen müssen, denn schon um 11 Uhr 47 gibts die Vorläufe im 200 Meter Brustschwimmen der Frauen. Bevor um halb Fünf die Goldmedaille im Tischtennis der Frauen ausgepleckt wird. Und das MUSS man gucken.

Warum eigentlich? Schnell laufen, weit springen, irgendwelche absurden Sachen möglichst weit weg werfen: Das fand ich damals in der Schule schon höchst unnötig und Bundesjugendspiele den schlimmsten Tag des Jahres… mal abgesehen von den Tagen mit Lateinarbeiten, aber das ist nen anderes Thema.

Um so seltsamer, dass auch ich bei den Globalen Bundesjugendspielen immer wieder gebannt vorm Fernseher sitze und mitfiebere. Bei Disziplinen, die der Sportschau in der Olympiade, also in der Zeit zwischen den Spielen, nicht mal ne Meldung Wert sind. Geschweige denn eine Liveuebertragung.

Ist es dieser permanente Wettbewerb, dieses Sichmessen der Nationen, immer mit Blick auf den Medaillenspiegel, immer den nächsten sagenhaften Weltrekord im Auge? Weil sich da andere stellvertretend für mich, für „uns“ ins Zeug legen, sich quälen, rennen, schwimmen, werfen, schießen, ringen, stemmen, reiten? Na und zugegeben, Beachvolleyball sieht – nicht nur angesichts des bescheidenen Sommers bisher – auch einfach mal gut aus. Finale der Herren übrigens am 9. August um 20 Uhr, sagt meine App…

Aber richtig ernst wirds schon am 5. August um 22 Uhr 50: 100 Meter Sprint der Männer. Und der Gewinner ist dann der schnellste Mensch der Welt. Fragezeichen? Oder hat er einfach nur die besten Ärzte, die die geschicktesten Methoden zur Verschleierung von – ‚tschuldigung für das böse Wort – von Doping kennen? Dieses süße Gift Zweifel, das dank Tour de France und Ben Johnson jetzt immer mitguckt. Können die ohne Hilfsmittel wirklich so schnell, so weit, so ausdauernd? Oder nehmen die eh alle was?

Wär’s letztlich nicht ehrlicher, den Medaillenspiegel in der Apothekenumschau zu veröffentlichen, der Focus macht ne Liste der 100 besten Dopingärzte und das WDR Fernsehen zeigt ne Hitliste des Westens mit den 15 schönsten Weltrekorden, von denen keiner weiss, wie sie zustande gekommen sind? Fertig. Dann haben wir alle auch mehr Zeit, mal vor die Tür zu gehen und selbst ne Runde Rad zu fahren.

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