Endlich wieder. Jetzt dauernd.

Montagmorgen, 6 Uhr 38, ein ruhiges Abteil im ICE nach Köln. Eine gute Stunde Zeit, das neue Album von Herbert Grönemeyer zu hören. „Dauernd jetzt“ heißt es. Ein bisschen reingehört hab ich am Wochenende, jetzt ist Zeit für eine intensivere Begegnung mit Herbert Grönemeyer 2014. Dieser Text ist das Protokoll meiner Annäherung.

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Morgen

Türöffner ist das Bekannte. Die Single, seit mehreren Wochen im Radio. Ich bin inzwischen textsicher. Mag die optimistische Aussage, dieses ehrliche Bekenntnis, das Ja zu dem, mit dem ich auch morgen noch tanze, Horizonte untersuche. Und mit dem ich – meine Lieblingsstelle – ins Leben explodiere, bis die Welt sich rückwärts dreht. In Interviews erzählt Grönemeyer, er sei grad sehr verliebt. Merkt man. Schön. Die Stelle, auf die Herbert so stolz ist, wo die Tonart von Moll nach Dur wechselt, hör ich zwar nicht, aber der Sog der Nummer, die Energie, tanzt trotzdem zu mir rüber.

Wunderbare Leere

„Ich dauer jetzt, leb momentan“ – Das ist die Titelzeile des Albums. Spaß an der Planlosigkeit, Leben im Jetzt: Es herrscht wunderbare Leere […] und die Welt sperrangelweit. Schöner Kontrast zu „die Welt war für mich eine einzige Enge“ aus dem ersten Track. Das ist cool, am Abgrund angelehnt und routiniert am Grab spaziert. Ihr könnt mir nix. Der depressive Herbert ist da gaaaanz weit weg. Mit Klatschpassage fürs geneigte Publikum. Ich hör die Arena im Mai schön zehntausendfach mitschmettern. Und wenn die dann alle momentan leben, und sei es nur für ein paar Tage, haben alle was davon.

Uniform

Das politische Lied. Stakkato gegen das Eindringen in unsere intimen Sperrgebiete durch das dritte Auge, das nicht von uns weicht. Er will kein gläserner, digitaler Mensch sein. Aber auch gegen die Militarisierung, wegen der wir auf einmal im Krieg sind. In der besten Tradition von „Mit Gott“. Gefiel mir nicht beim ersten Mal, singt man auch eher nicht mit, sondern legt sich rein und lässt sich drei Minuten davontreiben. Nicht gefällig, aber wichtig. Und das will, ja soll Grönemeyer immer auch sein. Damit die Befangenheit von uns weicht.

Fang mich an

Das Wetter klemmt. Stimmt. Draußen ziehen Regentropfen am Zugfenster hoch. Schräg von vorn, kurz vor Hagen. Das ist jetzt eins dieser Du-Lieder. Über das, was DU alles mit mir machst: Mich anfängst, mich komplettierst. Ich hör da mehrere Geschichten: Die des DU in uns allen. Das Liebeslied für das DU auf der anderen Seite des Bettes. Aber auch das DU, das neu in unser Land kommt, der Andere, der Fremde, der uns herausfordert und bereichert. Privat und Politik, hier treffen sich die Welten.

Roter Mond

Den Mond singt er auch nicht zum ersten Mal an: Und ich häng an dem Glauben, dass du an mich denkst. Er ist offenbar immer noch einer, der ihm Hinweise gibt, ihm hilft, dass die Träume sich ballen, um sinnlos zu zerfallen. Da ist irgendwas. Draußen. Das wir nicht sehen, das unsere Schwäche ausgleichen hilft. Unendlichkeit. Ein Song, der mich im Mondlicht auf einer musikalischen Wolke wegträgt. Er wird es beim Konzert am Klavier spielen. Sicher. Nie klar, was dann am Ende steht. Er klingt nicht, als hätte er da Angst vor.

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Der Löw

In Hagen um 6.57 Uhr: nix los! Dazu Musik, so kraftvoll und machtstark wie Deutschland beim 7:1 gegen Brasilien. Gerissen vom Löw. In dieser Begeisterung hat Grönemeyer die Nummer zusammengeknödelt. Übermannt von Euphorietornados, als der vierte Stern fiel. Endlich wars ihre Zeit. Dieser Weg, der war nicht leicht. Herbert darf das, auch mal nicht ironisch brechen, sondern einfach begeistert mit breiter Brust nach vorne. So gehen die Gauchos … nicht. Der Sommer hat getanzt, der Sommer hat romanzt. Reim dich, oder ich fress dich, sprach der Löw. Puhhh. Aber irgendwie gut gebrüllt.

Unter Tage

Ne Bergbaumhymne für Bochum? Ja schon. Hauptsache ist, auf dich ist Verlass. Wohl eher eine Hymne auf das, was wir aus den Tugenden heute noch lernen können. Wahre Kumpel konnten, mussten, sich blind auf den anderen verlassen. Man hört Heberts pressender Stimme – dies ist auch dein Revier – die Anstrengung auf Sohle 3 an. Der Sound wie ein Abbauhammer, der Schrämmer schrämmt, die Hämmer hämmern. Kumpel!

Verloren

Es gab keine Schuld, es gab keinen Streit, es wurde lautlos beigelegt. Trauriges Klavier, es gibt kein Von-vorn. Einsamkeit. Sie ließen es einfach um sich geschehen. Scheiße, ja, so kanns auch gehen. Sie hatten sich unbemerkt ausgeliebt und plötzlich nur noch gern. Ne Lösung hat er dagegen auch nicht. So isses halt, wenn da nicht ein Morgen mehr ist. Verlooooohoren.

Unser Land

Der Titel sagt schon „Bestandsaufnahme“. Neudeutsch. Gemeinsam. Der Laden läuft. Ja, ich darf mich freuen, hier zu leben, ich darf mein Lamd mögen, wie andere ihrs. Nicht ohne mir über die auseinanderklaffende Schere – die soziale – bewusst zu sein. Ohne zu merken, dass die Tücke im Detail steckt. Nicht euphorisch, denn: Scharfrechts, sofort gehts mir wieder schlecht. Das ist so ziemlich das unverkrampfteste, was Grönemeyer als Deutschlands Seelensänger zum Zustand der Republik je gesungen hat. Ein vielschichtiges Revier. Es bleibt Liebe auf den zweiten Blick. Auf nach vorn, schau auch zurück. Das ist Lyrik für die zehnte Klasse Geschichte!

Ich lieb mich durch

Schön zupft er die Gitarre. Wird sich klar. Ich lieb mich durch zu dir. Wie viele der Menschen, die da grad nass und durchgefröstelt am Bahnsteig in Wuppertal stehen, wissen auch nicht, ob sie die Furcht von jemandem nehmen dürfen, wo sie es doch so gerne wollten? 7 Uhr 14. Und du zweifelst noch im Schlaf. Es ist ganz einfach, aber einfach nicht für dich. Eigentlich sind wir bereits im Himmel – im sechsten, siebten. Eigentlich: Das Wort geht in der Liebe gar nicht. Ein Killer. Dann klingt verliebt wie verwählt.

Einverstanden

Das ist die Nummer, die Annette Humpe geschrieben hat. Wenn es so ist, ist es gut. Eine Haltung, die ich von Grönemeyer nicht will. Er soll auf dem Berg stehen und versuchen, die Wolken umzudrehen. Abnicken war seine Sache nie. Insgesamt für mich zu viel Refrain, zu wenig Entwicklung. Vielleicht der schwächste Somg des Albums bis jetzt. Und wir sind noch nichtmal in Solingen.

Feuerlicht

Halt mich warm mit deinem Feuerlicht und vergiss mich nicht. Nur eine Minute Ruhe. Ein Sehnsuchtssong für Feuerzeuge in Tausenden Konzertbesucherhänden. Augen zu und schwelgen. Eine stille Nacht, die sich um mich kümmert, mich bewacht. Balsam fürs Gemüt. Warm und hell wie ein Feuerlicht. Mit Amadou und Mariam aus Mali als Gastvocals. Mit denen hatte er schon 2006 den WM-Song „Zeit, dass sich was dreht“ aufgenommen. Passt gut zu dieser Neuauflage von „Halt mich“.

Pilot

War eigentlich nur für die B-CD des Albums vorgesehen, aber Grönemeyer Junior bestand drauf, die Nummer auf die Hauptscheibe zu nehmen. Verrate nie, was dich treibt, bleib dein Pilot, dein Geheimpilot. Übertritt Grenzen, übersteuer und verflieg. Scher dich ums Leben, lautstark, autark. Songgewordenes Selbstbewusstsein. Eine Lektion für alle Söhne und Töchter. Bei Cat Stevens hieß das „Father and Son“. Ich kann den Junior gut verstehen.

Neuer Tag – live

Kein Wort beschreibt die sehnende Sucht. Wortspielkönig. Herbert spielt Klavier und singt einfach mal die Wörter, die ihm so durch den Kopf schießen. Ende und Anfang, Abschied und Neubeginn. Bleibe mein Versprechen, bis wir uns wiedertreffen, bleib mein immer neuer Tag. Ich trag immer das Bild in mir. Joahhhh. Naja.

Annäherung

Instrumental. Spacig. Elektronisch, treibend. Ich hör da den Filmmusiker Grönemeyer. Mach voran, nur noch 14 Minuten bis Köln! Würd zu dem Titel gerne im nächsten Jahr Artistik bei den UrbanatiX in der Bochumer Jahrhunderthalle sehen. Was Poetisches mit langsamen Bewegungen. Aber der Höhepunkt fehlt mir.

Hoopieshnoopie-Remix von Fang mich an

Grönemeyer hat gesagt, die Nummer sei ihm schon ein bisschen peinlich. Völlig zu Unrecht! Die wummert schön, sogar ich kann mir vorstellen, dass das tanzbar ist. Und für mich ist eigentlich nix tanzbar. (Für Herbert übrigens ja eigentlich auch nicht. Ist uns beiden aber manchmal egal.)

Draußen dämmert es. Das Schwarz reißt auf, die Mülheimer Schanzenstraße zieht vorbei, Schiffsverkehr auf dem Rhein. Keine Verspätung.

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Ein Kritiker sagte, das Album sei eine Aufforderung, die Sekunden des Glücks immer wieder an uns heran zu lassen. Hab ich gemacht. 60 Minuten lang. 16 Titel mit einem Remix. Köln Hauptbahnhof. Glücklich! Dauernd jetzt!

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